Frank Buchter – Pfarrer in Roggwil (BE)
von Beat Kuttnig
Ich werde in Roggwil BE bei Langenthal vom Pfarrer der reformierten Kirche auf dem Bahnhof abgeholt. Er weist mir den Weg zum Pfarrhaus im Dorfkern, ich führe ihn mit leichtem Druck auf den linken Unterarm. Frank Buchter, ein 45-jähriger kräftiger Mann, ist seit seinem 17. Lebensjahr blind. Ich treffe ihn, weil er 1982 bis 1986 der erste blinde Schüler an der KSL war und als blinder Pfarrer und Nationalratskandidat auch in den Medien für Aufsehen gesorgt hat. In der gemütlichen Pfarrstube mit einer grossen Standuhr und einem langen Holztisch erzählt mir Frank Buchter seine Geschichte. Er hatte von Geburt an eine Sehbehinderung, doch nach dem Beginn einer KV-Lehre löste sich die Netzhaut ab und er erblindete. Nach mehreren Spitalaufenthalten war klar, dass keine Operation möglich und das Augenlicht für immer verloren war. Wie sollte es weitergehen? Er musste lernen, ohne unseren wichtigsten Wahrnehmungskanal im Leben zurechtzukommen. Dazu musste er seine Familie verlassen und in der Sozialrehabilitation in Basel die Blindenschrift Braille und die Orientierung im Raum erlernen. In Basel konnte er auch in einer privaten Handelsschule, die bereits Erfahrung mit blinden Schülern hatte, die KV-Ausbildung weiterführen. Nun erwachte auch sein Interesse an der Religion und er fand Kontakt zu verschiedenen christlichen Jugendgruppen. Er beschäftigte sich erstmals mit ernsten Lebensfragen: Was bleibt noch, wenn man plötzlich blind ist, was gibt in dieser schwierigen Situation Kraft und einen Sinn? Nach einem halben Jahr war ihm klar, dass diese Ausbildung nicht mehr sein Weg war und er den Wunsch hatte, an ein Gymnasium zu gehen. Die erste Hürde war die Aufnahmeprüfung, dazu musste er vor allem in Algebra viel nachbüffeln. Noch schwieriger war es allerdings, eine Kantonsschule zu finden, die bereit war, einen blinden Schüler aufzunehmen. Verschiedene Schulen im Kanton Zürich hatten damals noch grosse Bedenken und waren nicht bereit, den Versuch zu wagen. Anders die Kantonsschule Limmattal. Hier nahm das Rektorat die Herausforderung an und Frank Buchter nach bestandener Aufnahmeprüfung in eine Klasse des neusprachlichen Typus auf. Frank Buchter hat sehr gute Erinnerungen an diese Zeit. Er fühlte sich von der Schulleitung und der Lehrerschaft sehr gut unterstützt und es war ihm auch in der Klasse sehr wohl. Er notierte auf einer kleinen Lochstreifenmaschine seine Unterrichtsnotizen und schrieb diese zu Hause auf der grossen und lauten Blindenschriftmaschine ab. Die Prüfungen wurden von den Lehrern auf Kassetten gesprochen und er löste sie in einem Extrazimmer auf seiner grossen Schreibmaschine. Im Unterricht wurden alle Blätter laut vorgelesen und in der Mittagspause machte er mit Klassenkameraden und -kameradinnen die Aufgaben. Anfangs gab es auch negative Erlebnisse, etwa als er am Sporttag beim 80-Meter-Lauf nach dem Ziel in einen Pfosten rannte, weil ihm nicht wie abgesprochen signalisiert wurde, dass er nun im Ziel sei. Aber die Zusammenarbeit mit den Mitschülern und den Lehrern spielte sich schnell ein und blieb für ihn bis am Schluss vorbildlich. Er fühlte sich als ältester Schüler für den Klassenzusammenhalt besonders verantwortlich und war in der schulinternen Bibelgruppe der VBG aktiv. Eine neue Herausforderung stellte die Studienwahl dar. Vieles kommt nicht in Frage, wenn man blind ist. Schliesslich blieben noch Psychologie und Theologie, und er entschied sich für das Zweite, weil es seinen vielseitigen Interessen, seiner Freude an intensiven Gesprächen mit vielen Menschen und am Gitarrenspiel entgegenkam. Das Studium war für ihn aber dann schwieriger zu bewältigen als die Mittelschule. Da fehlte der Klassenverband, in dem er aufgehoben war und wo alle genau wussten, was er brauchte. In den ersten zwei Jahren musste er fast ausschliesslich Latein, Griechisch und Hebräisch lernen. Und auch der Zugriff zum Lernmaterial war viel schwieriger. In der Mittelschule konnte er Bücher zwei Monate vorher bei der Blindenschriftbibliothek in Brailleschrift bestellen. An der Universität war das oft nicht möglich, weil die Professoren die Lektüre zu kurzfristig bekannt gaben oder die Texte zu kurz waren. So musste Frank Buchter Mitstudenten anstellen, gegen Bezahlung durch die IV Texte auf Kassette zu lesen. Trotzdem schaffte er das Studium in 7 Jahren.
Bereits während des Studiums heiratete Frank Buchter 1991 und zog mit seiner Frau Ruth nach Hinwil. Hier konnte er 1993 auch das obligatorische einjährige Praktikum absolvieren, danach wurde er für weitere anderthalb Jahre von der Kirchgemeinde als Jugendpfarrer angestellt. Nun galt es, eine längerfristige Stelle zu finden. Das Bewerben war für Frank Buchter eine spannende Phase. Ich stelle mir vor, wie schwierig es ist, sich blind in fremder Umgebung schnell zurechtzufinden und einen guten Eindruck zu machen. Seit dem 1.1.1997 hat er eine Teilzeitstelle als Pfarrer in Roggwil und arbeitet da mit einer sehenden Kollegin zusammen. Auch die Landbevölkerung war bereit, sich auf eine neue Erfahrung einzulassen, und bereitete ihm einen herzlichen Empfang. In den 11 Jahren seiner Tätigkeit hier sei schon eine gewisse Vertrautheit mit der Bevölkerung entstanden. Frank Buchter empfängt viele Besuche der Gemeindemitglieder im Pfarrhaus oder er wird von ihnen abgeholt und auch wieder nach Hause begleitet. Inzwischen ist auch die Familie gewachsen. Noch in Hinwil kam der älteste Sohn 1996 zur Welt, es folgten zwei weitere Jungen (neun und drei Jahre alt) und eine Tochter (sieben Jahre). Die Familie spielt eine grosse Rolle im Leben des Pfarrers. Sie ersetzt für ihn oft die Augen und unterstützt ihn bei vielen kleinen Handlungen, die er allein nicht ausführen könnte. Frank Buchter ist schon lange im Vorstand des Blindenbundes und seit zwei Jahren Co-Präsident. Es ist ihm wichtig, sich um die Anliegen der Blinden zu kümmern, und es ist für ihn auch ein wichtiger Ausgleich. So kommt er auch mal von der Kirche und vom Dorf weg und sein Lebenskreis erweitert sich. Das wichtigste Anliegen ist ihm die Integration der Blinden und Sehbehinderten in die Gesellschaft, vor allem in den Schulen und in der Arbeitswelt. Er erlebt diese Problematik nun auch bei seiner siebenjährigen Tochter, die auch sehbehindert ist und oft mit den gleichen Dingen zu kämpfen hat wie er früher in der Schule. Die Nationalratswahlen im letzten Jahr waren für Frank Buchter ein Versuchsballon. Er führte einen offensiven Wahlkampf, richtete eine eigene Homepage ein, machte mit der Familie eine Promotion-Tandemtour durch den Kanton Bern und hatte viele Medienauftritte. Schliesslich reichte es für den 9. Platz unter den 70 Kandidaten der EVP, aber nur einer schaffte es in den Nationalrat. Nun überlegt er sich, ob er an den Grossratswahlen (Kantonsparlament) 2010 kandidieren will, und führt darüber Gespräche mit der Parteileitung. Vor zwei Jahren in einer Weiterbildung wurde die Seelsorge als eine Kunst der Wahrnehmung dargestellt und Frank Buchter fragte sich kritisch, was dies für ihn bedeute. Wie kann er die fehlende visuelle Wahrnehmung kompensieren und den Menschen helfen? Er ist dabei stark auf seine Frau angewiesen, die ihm immer alles erzählt, was sie in der Kirche gesehen und mitbekommen hat. Auch mit dem Siegrist und anderen ist er ständig in Tuchfühlung, um sich ohne das eigene Sehen ein Bild machen zu können. Daneben muss er sich ganz auf sein Gehör und sein ausgeprägtes akustisches Gedächtnis verlassen. Er hat die Menschen nicht als körperliche Gestalten oder als Gesichter vor sich, sondern als Stimmen, in denen sich für ihn ihre ganze Individualität ausdrückt. Er sei sicher viel stärker auf sich selbst fixiert als Sehende und schöpfe aus seinen Gedanken in der Klausur, dafür fehlten ihm oft spontane äussere Anstösse. Der Computer ist für ihn ein wichtiges Fenster zur Welt geworden, aber es bestehe auch die Gefahr, dass er zu viel Zeit an ihm verbringt. Durch seine eingeschränkte Wahrnehmung und die damit verbundene Fixierung auf sich selbst macht er sich über alles Wesentliche seine Gedanken und hat so auch immer etwas Wichtiges zu sagen. Das prägt seine Predigten und kommt bei allen Gesprächen zum Ausdruck, wie er oft bestätigt bekommt. Am Schluss zeigt mir Frank Buchter in seinem Arbeitszimmer die monströse alte Schreibmaschine und das Lochstreifengerät, die er in der Schule und im Studium brauchte. Daneben steht der moderne Computer, der ihm alle Texte in Blindenschrift überträgt. Beeindruckt nehme ich Abschied von einem Menschen, der sich mit seiner Energie, Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer so gut zurechtfindet in der für ihn nicht mehr sichtbaren, aber auf vielfältige Art wahrnehmbaren Welt.
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Frank Buchter, Co-Präsident des Schweizerischen Blindenbundes, will für die EVP Bern in den Nationalrat. Der 43-jährige ist blind und möchte mit seiner Kandidatur auch anderen Behinderten Mut machen, sich politisch zu engagieren.
Von Caroline Leuch
„Meine Hauptmotivation für die Kandidatur ist eine Horizonterweiterung meines bislang vorwiegend kirchlichen Wirkens“, erklärt der Pfarrer. „Die kirchliche Botschaft hat auch politische Folgen. Dies zieht die Werte, welche die Politik braucht, mit ein.“ In Bern wolle er sich insbesondere für behindertenpolitische Anliegen einsetzen. Zudem liegen ihm Familien- und Umweltpolitik am Herzen. „Als Pfarrer, Vater und von einer Behinderung betroffener Mensch, bin ich am Puls des Lebens. Meine Kompetenzen, Bedürfnisse anderer wahrzunehmen und Lösungen zu finden, will ich auch auf politischer Ebene einbringen und im Nationalrat allen eine Stimme sein, die unsere Unterstützung brauchen.“
Frank Buchter kandidiert für die EVP und vertritt auch ihre Werte, obwohl er noch nicht Parteimitglied ist. Seine Chance, am 21. Oktober in den Nationalrat gewählt zu werden, hänge nicht zuletzt von der „Behinderten-Solidarität“ ab, sagt der Kandidat. In der kantonalen Behindertenkonferenz, Sehbehindertenverbänden aber auch auf öffentlichen Podiums-Veranstaltungen hofft er auf Unterstützung, die sich im Wahlergebnis positiv spiegeln wird. „Ich erhalte viele positive, als auch wenige kritische Rückmeldungen“, sagt der Vater von vier Kindern. Unterstützung erhält er vom Schweizerischen Blindenbund und natürlich von der EVP Bern. Auch die lokalen Medien zeigen Interesse. Allerdings erwartet Frank Buchter, dass dieses noch zunehmen werde zumal der Wahlkampf ab August intensiviert werde.
In Roggwil wirkt Buchter seit zehn Jahren in der Kirchgemeinde als Pfarrer. „Würde ich gewählt, müssten die beruflichen und politischen Aufgaben neu geregelt werden. Dank des Einverständnisses des Kirchgemeinderats mit meiner Kandidatur, darf ich darauf hoffen, dass wir diesbezüglich eine gute Lösung finden werden.“
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Kolumne vom Sa. 28.4.07, Leserbrief erschienen in BZ am 2. Mai 2007:
Welchen "Schlamassel mit der IV" meint Chr. Mörgeli eigentlich? Ist die Tatsache, dass die Anzahl Rentenbezüger in den letzten 15 Jahren gestiegen ist, wirklich an sich schon eine Misere oder nicht schlicht Folge von Arbeitnehmerentsorgung auf staatskosten? Ist die Tatsache, dass eine Versicherung defizitär ist, wirklich an sich schon als Misstand zu bezeichnen oder wäre unsere Krankenversicherung ohne Mehreinnahmen nicht auch schon längst pleite? Es ist mehr als bedauerlich, nein erschreckend, wie gewisse SVP-Politiker Menschen mit sichtbarer und unsichtbaren Behinderungen - ja auch solche gibts, Herr Mörgeli - generell als potentielle Simulanten und Scheininvalide erklären.
Ihr Gesunde und Arbeitstätige, auch ich bin gegen Missbrauch! Doch schüttet nicht das Kinde mit dem Bad aus und missgönnt nicht Behinderten ihre bescheidene und nur ungern in Anspruch genommene Rente und bedenkt, dass auch euch das Schicksal Behinderung treffen kann! Man sehe und höre übrigens die Devise: "Wir fordern die sofortige Wiedereingliederung in die Arbeit". Wirklich super, doch wo sind die Arbeitsplätze?
Pfarrer Frank Buchter, Roggwil, behindert und nicht-IV-Bezüger
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Frank Buchter, 41, ist verheiratet und Vater von vier Kindern.
Wenn ich nicht der Pfarrer wäre hier im Dorf, dann würde ich wohl isolierter leben. Dank meiner öffentlichen Funktion können mich die Leute jedoch nicht einfach ignorieren. Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich blind. Damals musste ich die Banklehre abbrechen, weil ich den Alltag nicht mehr bewältigen konnte. Den Umgang mit meiner neuen Lebenssituation lernte ich in einer so genannten sozialen Rehabilitation in Basel. In dieser Zeit hatte ich auch den ersten Kontakt zu einer christlichen Jugendgruppe und ich begann mich für religiöse und kirchliche Fragen zu interessieren. Der Entscheid Theologie zu studieren, kam jedoch erst später, mit 23, nach der Matur, als ich mich an der Universität einschreiben musste. Während dem Studium in Zürich wuchs der Wunsch nach einem Pfarramt. Doch wenn ich meine Frau Ruth nicht kennen gelernt hätte, hätte ich wohl nie den Mut aufgebracht, ein solches Amt zu übernehmen. Schliesslich meldete ich mich vor neun Jahren auf ein Inserat für eine 60% Pfarrer-Stelle in Roggwil. Das reduzierte Pensum entsprach meinen Bedürfnissen, denn ich wollte einerseits auch Familienarbeit verrichten und mich andererseits beruflich nicht überfordern. Ich versuche so viel wie möglich selbständig zu machen – und mit der technologischen Entwicklung geht heute auch Vieles einfacher als früher. So kann ich zum Beispiel am Morgen im Internet die Tageszeitung „lesen“, meine Korrespondenz bearbeiten und zu einem gewissen Thema recherchieren. Dennoch bin ich auf die Unterstützung meiner Frau im Alltag angewiesen. Sie hilft mir bei der Suche nach Fachliteratur, bei Heimbesuchen und im Herstellen von Kontakten bei Begegnungen, um nur einige Dinge zu nennen. Bei meiner Arbeit hilft mir das Blind sein sicherlich, unbekannten und fremden Leuten unvoreingenommen zu begegnen. Aber es hat sicherlich auch Nachteile. Einerseits können Leute, die mir nicht begegnen wollen, mir viel einfacher aus dem Weg gehen. Anderseits bin ich darauf angewiesen, dass die Menschen zur Kontaktaufnahme einen kleinen Schritt auf mich zu machen. Wenn sie sich überhaupt nicht melden, also nicht mal guten Tag sagen, dann nehme ich sie einfach nicht wahr. Und manchmal findet deshalb keine Begegnung statt. Ich habe mich schon gefragt, ob die Sehbehinderung Auswirkung auf mein Denken, ja meine ganze Persönlichkeit, hat. Denn mit dem Verlust des Augenlichts wurde ja auch die Wahrnehmung eingeschränkt. Und wenn sich die Denkweise dadurch verändert hat, dann leben Blinde ja vielleicht in einer ganz eigenen Welt. Das würde erklären, weshalb das gegenseitige Verständnis mit Sehenden oftmals so schwierig ist. Irgendwo bleibt immer eine gewisse Unsicherheit bei den Begegnungen. Manchmal fragen mich Leute, ob ich mir Farben noch vorstellen könne. Sie finden es wahnsinnig traurig, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht mehr genau weiss, wie grün aussieht. Doch für mich ist das gar nicht wichtig, denn die Farbenwelt hat für mich keine Bedeutung mehr. Dennoch denke ich, fehlen mir manchmal gewisse Impulse von aussen. Das Betrachten einer schönen Blume zum Beispiel, kann ja durchaus inspirierend sein. Mein Beruf ist für einen blinden Menschen eine aussergewöhnliche Gelegenheit. Einerseits ist das Pfarramt eine Tätigkeit, die viel Kommunikation mit den Mitmenschen erfordert. Anderseits hat das Blind sein etwas sehr Isolierendes. Für mich bedeutet die Ausübung dieses Berufes, eine tagtägliche persönliche Herausforderung und die Chance von meinen Mitmenschen nicht ausgegrenzt zu werden.
Redaktion: Olivier Lasowsky
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